Chanten: Wie man sich frei singt

Mantren singen, chanten oder rezitieren – egal wie du es nennen magst, war nie meine Lieblingsdisziplin im Yoga.
Wie bei vielen Dingen im Leben lag dieses Unwohlsein an einem alten, völlig ausgelatschten Glaubenssatz, der seit meiner Kindheit in meinem Unterbewusstsein waberte.

Erst meine Mutter, sie noch scherzhaft, später meine Musiklehrerin, sie in Form von Noten, sprachen von einer Unmusikalität, die es anderen Menschen angeblich schwer machte, mir beim Singen zuzuhören.
Und so kam es, wie es kommen musste: Ich war seitdem selbst davon überzeugt, dass ich nicht singen konnte.

Während meiner Yogaausbildung drückte ich mich erfolgreich vor dem morgendlichen Anleiten der Meditationen, in denen das (Vor)Singen von Mantren ein fester Bestandteil war.
Und so wurde auch keines der so bedeutungsvollen Mantren Bestandteil meiner Yogaklassen. Sogar das Chanten der einstimmenden OMs strich ich zunächst vom Stundenplan…

Jeder kann singen

Und wie so oft, war es eines meiner Kinder, das so ernsthaft und beharrlich an meinen Glaubenssätzen rüttelte, dass ich endlich die Augen aufmachte.
Meine Tochter war vier, sang lautstark in allen Lebenslagen völlig unbeeindruckt von dem was sich gerade um sie herum abspielte oder wer sich noch im selben Raum befand. Es ging um einen kleinen Auftritt ihrer Kita-Gruppe, bei dem alle Kinder gemeinsam ein Ständchen zum Besten geben sollten. Sie hatte große Befürchtungen, weil sie dachte, sie könne doch nicht singen.
Ich musste fast schon ein bisschen zu doll lachen, als ich begann dem in meinen Augen musikalischsten Kind der Welt zu erklären, dass doch jeder Mensch singen kann. Sie bewies es uns doch jeden Tag. Und nicht unsere Freude darüber, sondern ihre Glückseeligkeit daran sollten sie beim Singen begleiten. Lang und breit erzählte ich ihr, dass es doch darum ginge, wie sie es empfindet, was sie ausdrücken möchte und nicht darum, ob ein anderer es mag oder eben auch nicht. Singen war in diesem Vortrag für mich das Tollste, was man machen kann um sich einfach nur gut zu fühlen. 

Schon vor meiner letzten inbrünstig formulierten These bemerkte ich den Fehler im System. Ich versuchte meinem Herzensmenschen etwas fürs Leben mitzugeben, an das ich selbst nicht glaubte. Oder: Glaubte ich daran und war nur mutlos? Einfach den alten, verstaubten Glaubenssatz beiseite schieben und die Erfahrungen im Bereich Singen auf Anfang setzen?

3 OMs und ein Hallelujah

Mich überzog eine leichte, sehr angenehme Gänsehaut als meine 14 Yoginis mir ihr OM entgegen schmetterten, welches sie durch meine Aufforderung dreimal mit ihrer Freude, ihrer Intension oder auch ihrer Last an diesem Sonntagmorgen füllten. Als hätten sie darauf gewartet endlich auch mal anders als durch Asanas und Atmung ihre Innenwelt nach außen zu tragen. Ich wollte mich nicht bestätigt fühlen, aber es war dieses Gefühl für alle Beteiligten eine kleine neue Welt geöffnet zu haben.

Schon länger genoss ich den wohltuenden Effekt von modern aufgehübschte Mantras auf Spotify. Ich liebte es, im Regio sitzend, wenn die Außenwelt an mir vorbeiflog, ein Mantra auf den Ohren zu haben und für 20 Minuten einen kleinen Wellnessausflug zu machen.

Das Mantra aller Yogamamas

Inspiriert durch meine Fortbildung zur Pränatal-Yogalehrerin wollte ich nun den nächsten Schritt wagen. Ich entschied mich für ein Mantra, das mich inhaltlich genau dort abholte, wo ich gerade stand und das ich erst einmal von CD abspielen konnte damit ich mit meinen Teilnehmern nur nach trällern musste ;o)

Und da ich in meinen Klassen fast ausschließlich (werdende) Mütter unterrichte, lag es auf der der Hand: 

“Adi Shakti Adi Shakti Adi Shakti Namo Namo“ – Ich verneige mich vor der Urkraft. „Serbe Shakti Serbe Shakti Serbe Shakti Namo Namo“ – Ich verneige mich vor der allumfassenden Kraft und Energie.

 „Pritham Bhagvati Prittam Bhagvati Pritam Bhagvati Namo Namo „– Ich verneige mich vor dem, was Gott schafft.

“Kundalini, Mata Shakti,  Mata Shakti, Namo, Namo” – Ich verneige mich vor der schöpferischen Kraft der Kundalini, der göttlichen Mutterkraft.

Ganz oft erwische ich mich dabei, stundenlang im Internet oder einschlägiger Yoga-Literatur nach einer wohlklingenden Übersetzung – bei allen Mantren – für mich zu suchen. Ich stehe auf schön klingende, harmonische Worte, deren Inhalt mir sich voll und ganz erschließt. Oftmals bin ich unzufrieden mit den deutschen oder Englischen Worten. Vielleicht ist dies auch ein Grund, warum Mantren singen nicht sofort mein Herz erfüllte.

Doch beim “AdiShakti” Mantra fällt es mir ganz leicht, einfach die Musik aufzudrehen (ich mag besonders die Version von Snatam Kaur) und die wahre Bedeutung zu spüren.

Eine Hymne für die Weiblichkeit

Das Mantra wird besonders gern und oft in der Schwangerschaft rezitiert und soll ein helfender Begleiter unter der Geburt sein.

In Indien wird der 120. Tag der Schwangerschaft als der Tag, an dem die Seele des neuen Erdenbürgers in den kleinen Körper eintritt, gefeiert. Bei diesen Feierlichkeiten wird dem Mantra eine besondere Rolle zugeschrieben. 

Natürlich erging es mir in dem Moment, als ich nach Jahren aufgefordert wurde, dieses Mantra mitzusingen, wie vielen meiner Teilnehmerinnen in meinen eigenen Klassen zu einem späteren Zeitpunkt auch:
Ich öffnete heimlich meine Augen um 1.) nochmals auf den Text zu schielen und 2.) zu gucken, ob meine Lehrerin tatsächlich voller Überzeugung mitsang. Dann stellte ich meine Ohren auf, um wahrzunehmen, wie, ob und überhaupt meine “Leidensgenossinnen” das ganze Thema Mantrasingen so sahen. Natürlich waren alle “im Flow” und es hörte sich nach jahrelanger Praxis und Selbstverständlichkeit an.

So beschloss ich, einfach wieder die Augen zu schließen um mich darauf einzulassen. Und es fühlte sich so erhaben und wundervoll an.

Da ich um die Bestimmung des Mantras weiß, fühle ich mich beim Singen tatsächlich besonders glückselig in meiner Rolle als Frau und Mutter. Es ist in dem Moment wieder ein bisschen das Gefühl präsent, das ich hatte, als mir meine Tochter nach einer anstrengenden, bewegenden Geburt auf die Brust gelegt wurde oder dieses Verliebtsein aus den Tagen danach als ich mein Baby immer und immer wieder anschauen musste.

Ich liebe diese Art und Weise Weiblichkeit zu feiern, das Betonen dieser unbändigen Kraft, die in uns steckt. Und damit möchte ich mich nicht nur auf diesen kleinen Abschnitt Geburt beschränken. Sondern auf die Schönheit der Frau in all ihren feinfühligen, weitsichtigen und gebenden Facetten.

Dann erzähle ich meinen Yoginis die Geschichte meiner Tochter, die glaubte nicht singen zu können, obwohl es ihr stets so viel Freude machte.
Und gegen die Angst “nicht gut genug (im Singen) zu sein”, gebe ich ihnen den Tipp einfach ein wenig lauter als die anderen zu singen, damit sie nur ihre Worte, ihre Töne, IHR Mantra hören.
Denn, wie im Leben, geht es nicht darum, sich mit den anderen zu vergleichen oder ihnen gar zu gefallen, sondern darum dass es einem selbst gut tut.

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